Tor der Woche

CDU Kandidaten nicht unterschätzen

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Politischer Leichtsinn definiert sich 16 Monate vor der nächsten Bürgerschaftswahl in etwa so: Der designierte CDU Spitzenkandidat Meyer-Heder verfügt über keinerlei politische Erfahrung, er kennt die Verwaltung und die Stellschrauben nicht, an denen man für politische Ergebnisse drehen muss. Er ist weitgehend unbekannt und weiß sich auf dem politischen Parkett der Bremischen Stadtöffentlichkeit nicht so zu bewegen, wie die langgedienten Schlachtrösser und -stuten der übrigen Parteien. In dieser Denkschule wird er also entweder zu unbekannt bleiben, um ausreichend WählerInnen zu mobilisieren oder aber auf Teufel komm raus Aufmerksamkeit suchen und dabei in die vielen aufgestellten Fettnäpfchen und Fußangeln treten, die für ihn bereitstehen.

 

Diese Heransgehensweise ist mehr als naiv. Das politische System insgesamt, politische Erfolgs- oder Mißerfolgsfaktoren, Wahlkämpfe und Wahlentscheidungen haben sich grundlegend verändert. 70 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik bewegt sich Deutschland im Geleitzug der internationalen Trends hin zu Personalisierung, Abwertung von Parteien und traditionellen Politik- und Kommunikationsformen. Parteien und PolitikerInnen rangieren in Rankings von Vertrauenswürdigkeit und Beliebtheit kurz hinter Gebrauchtwagenhändlern und kurz vor Prostituierten. Gibt es zu ihnen keine Alternative, schadet das "nur" der Wahlbeteiligung. Gewählt werden sie trotzdem. Seit einigen Jahren haben sich aber Parteien diesen Effekt zu Nutze gemacht, indem sie politisch unerfahrene Nicht-Mitglieder, die sich in anderen gesellschaftlichen Feldern bewegt haben, ganz nach vorne stellen. In Bremen ist dieser Schachzug unter anderem mit den Namen Nölle (CDU) und Steiner (FDP) und durchaus beachtlichen Wahlerfolgen verbunden.

 

Warum muss man den designierten Spitzenkandidaten der CDU über diese grundsätzlichen Gründe hinaus ernst nehmen? Die aus seiner Vita generierte Erzählung enthält bewusst Elemente, die WählerInnen anderer Parteien ansprechen sollen. Da ist der Zivildienst, die WG-Erfahrung (Grüne), die Unternehmensgründung (FDP), die Schaffung von Arbeitsplätzen (SPD), die IT-Branche, die Band-Mitgliedschaft für die Jüngeren und Hipster aller Altersklassen. Man würde auch die im Hintergrund handelnden Personen der CDU unterschätzen, würde man das alles für Zufall halten.

 

Wollen die anderen Parteien nicht ins offene Messer laufen, müssen sie den üblichen Überlegenheitsimpuls der Amtsinhaber unterdrücken und sich intensiv auf eine Wahlauseinandersetzung auf Augenhöhe vorbereiten. Im 21. Jahrhundert führen viel mehr Wege zum politischen Erfolg als die sprichwörtliche Ochsentour durch die Ortsverbände. Es existieren Touren mit Umgehungsstraßen, Premiumrouten und Sackgassen. Wir haben es alle gesehen, dass eine langjährige First Lady und Außenministerin gegen einen irren Twitter-Junkie aus dem Reality-TV verloren hat. Wir waren dabei als in Frankreich ein gesamtes etabliertes Parteiensystem von einem jungen Kandidaten mit einer neu gegründeten Bewegung auf dem (sehr kurzen) Marsch an die Macht weggefegt wurde. Jetzt müssen wir uns nur an diese Ereignisse erinnern und sie gewissenhaft analysieren.

 

Das Ganze in der Version für Fußballfans: 2014 stieg Leicester City in die Premier League auf. 2016 wurden sie vor allen Spitzenteams Meister. Noch weit in die Saison hinein hatte sie niemand als Konkurrenz ernst genommen.

 

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